Politologe über Russlands Ziel: Willen des Westens zur Konfrontation brechen

Russland muss sich endlich vom Westen verabschieden und nach Osten verlagern. Das empfiehlt der einflussreiche russische Politologe Sergej Karaganow in einem Interview. Er sieht den Westen im Scheitern und eine neue Welt entstehen.

In dem Kampf zwischen Russland und dem Westen – in der Ukraine und nicht nur dort – wird es Friedensverhandlungen geben, es werde so getan, als ob verhandelt wird. Aber es ist sehr wahrscheinlich, dass es zu weiteren Konflikt-Verschärfungen kommen wird. Das sagte der prominente russische Politologe Sergej Karaganow in einem Interview mit der russischen Plattform Business Online Ende Mai. Die unabhängige Schweizer Plattform Globalbridge.ch hat den Artikel aus dem Russischen übersetzt und am 19. Juni veröffentlicht.

Karaganow befürchtet, dass die Konfrontation noch weiter eskalieren wird. Die einzige mögliche Lösung für das Problem sieht er darin, „dafür zu sorgen, dass die Ukraine keine antirussische Einheit mehr ist und dass der Wille des Westens zur Konfrontation gebrochen wird.“ Dies sei ein sehr schwieriger Prozess.

Friedensverhandlungen mit der Ukraine hält er für möglich und er wünsche sich, „dass die Ukraine die weiße Fahne hochhält und zu einem friedlichen, mit Russland befreundeten Staat wird“. Allerdings bezweifle er das stark, aufgrund der Tatsache, dass es sich bereits um ein gescheitertes Staatsgebilde in einer akuten und tiefsten Krise handele. „Es ist eine Weimarer Republik, die sich ebenfalls im Krieg befindet“, so der Politologe, der auf die Weimarer Republik verwies, „aus der der Hitlerismus hervorging“.

Dramatische Veränderungen

Der Politologe ist davon überzeugt, dass dieser Konflikt ein Versagen seiner Generation ist: „Denn wir hätten einen offenen Krieg in Europa verhindern können, der sich wahrscheinlich erst in der Anfangsphase befindet.“ Er ist sich sicher, dass Russland hätte „früher und entschlossener handeln müssen“, bereits 2018 oder 2019. Im Jahr 2021 habe es die Covid-Pandemie gegeben, die den Krieg vorübergehend ersetzt habe. „Wir haben zu lange beschwichtigt, gehofft und geglaubt.“

Zu der Frage nach den „dramatischen Veränderungen in der Welt und in Russland“ seit dem 24. Februar 2022 sagte er, dass die „Sonderoperation“ für Russland „nur ein kleiner, wenn auch sehr wichtiger Teil dieser schnellen Veränderungen“ sei.

Die Welt habe vor einem Jahr noch ganz anders ausgesehen. China sei zum Beispiel von einer großen Wirtschaftsmacht zu einer großen außenpolitischen Macht geworden. Europa in Gestalt der Europäischen Union (EU) sei auf dem Weg zum Scheitern noch einen Schritt weiter gegangen.

Ende der West-Reise

„Zunächst einmal ist Russlands Reise nach Westen zu Ende gegangen“, stellt Karaganow fest. „Jetzt hat die Russische Föderation begonnen, sich selbst zu finden.“ Der Prozess der Nationalisierung der Elite habe sich beschleunigt. Der Teil der Wirtschaftselite, der für den Westen gearbeitet habe, sei weitgehend verschwunden.

Einen Rückweg nach Westen sieht er nicht: „Unsere Divergenzen sind aus außenpolitischen Gründen groß. Die europäischen Eliten, denen der Boden unter den Füßen zittert, haben beschlossen, zu versuchen, ihre Positionen zu retten, indem sie Russland außenpolitisch, propagandistisch, wirtschaftlich und teilweise sogar militärisch herausfordern.“ Wenn die EU zusammenbrechen würde, seien Vereinbarungen mit einzelnen Ländern wahrscheinlich. Aber das ist aus seiner Sicht keine kurzfristige Aussicht.

Das aus seiner Sicht Wichtigste ist aber, „dass sich Russland und Europa (natürlich nicht alle, auch Europa ist anders) in Bezug auf ihre Werte auseinander entwickeln“. Dieser Prozess schreite immer schneller voran:„Wir werden zu alten Europäern und sie werden post-europäisch und bewegen sich sogar auf post-humane Werte zu.“

Befreiung vom Joch des Westens

Der Trend der letzen Jahre sei die Befreiung der Welt von westlichen Joch, so Karaganow. „Die Länder werden immer freier, die Welt vielfältiger, multipolar und bunt.“ Als Beispiel dafür nennt er Saudi-Arabien, das den USA offen die Stirn geboten habe. Auch die Afrikaner seien aktiver und lehnen sich offen „gegen ihre früheren europäischen Herren“ auf.

Wir befinden uns laut dem Politologen inmitten eines gewaltigen und wachsenden Erdbebens in der Welt. Der Westen kämpfe um die Überreste des Neokolonialismus, der Rest der Welt befreie sich davon. Russland stehe dabei wieder einmal an der Spitze dieses Kampfes. Er vergleicht sein Land mit einem Eisbrecher, „der das Resteis des neokolonialen Systems westlicher Vorherrschaft aufbricht“.

Den gegenwärtigen Kapitalismus – auch den in Russland – findet Karaganow „hässlich“. Er hoffe, dass er durch den Konflikt mit der Ukraine weniger hässlich werde: „Es findet eine Umverteilung des Reichtums innerhalb des Landes an Menschen statt, die es mehr verdienen – Wissenschaftler, Militärs, Ingenieure, Familien mit Kindern – und dieser Prozess wird weitergehen“, ist er überzeugt.

Abschied von den Ismen?

Russlands Gesellschaft ist laut Karaganow ebenfalls dabei, das westliche Joch abzuschütteln. „Der Westen hat die ganze Welt unterdrückt, ausgebeutet, getötet, zerstört.“ Er erinnert an den Nazismus und Kommunismus – beide „Ismen“ seien dort geboren worden. Obwohl er den Letzteren für eine viel humanere Ideologie hält. Außerdem „wurde er von der Sowjetunion gepredigt, die gewonnen, während der Nazismus verloren hat“.

Er hoffe, dass auch der Liberalismus „in den tiefen Schatten der Geschichte“ zurücktreten werde. „Jetzt bewegen sich die Länder, die ihn predigen oder sich ihm beugen, schnell in Richtung Totalitarismus, Faschismus, Abschaffung der Kultur.“

Es wird aus seiner Sicht ein sehr langer Kampf werden, ein gewaltiger Prozess. Selbst wenn der Krieg in der Ukraine vorbei sei, werde die „Zeit dieses Erdbebens und der steigenden Flut der Transformation noch anderthalb Jahrzehnte dauern“. Der Grund: „Wir kämpfen gegen eine sehr starke, aber schwächende und sich zurückziehende Zivilisation.

Gefahr eines Atomkrieges

Ein Atomkrieg ist aus seiner Sicht denkbar: „Wir sind immer noch davon bedroht, und zwar für eine sehr lange Zeit. Es ist ein gewaltiger Umbruch, wie wir ihn bisher noch nicht gesehen haben.“ Die Hauptquelle der Gefahr ist nach seiner Meinung nicht der Westen selbst, sondern die Situation im Westen. „Dort gibt es eine vielschichtige, tiefgreifende, moralische, wirtschaftliche und politische Krise.“

Die westlichen Eliten würden an Macht verlieren und deshalb auf eine Eskalation der Beziehungen und sogar auf Krieg setzen – in einem verzweifelten Versuch, die Geschichte anzuhalten.

Der Ukraine- Konflikt ist aus Karaganows Sicht deshalb gefährlich, „weil wir uns in einer sinnlosen westlichen Richtung verzetteln und versuchen zu verhandeln, wo es doch niemanden gibt, mit dem wir verhandeln können. Und ich glaube nicht, dass es, mindestens im nächsten Jahrzehnt, etwas zu verhandeln geben wird, auch wenn wir so tun können, als ob wir verhandeln würden.“

Bunte neue Welt

Die Welt steuere auf eine neue Souveränität zu, so der Politologe. Es werde eine Welt mit einer großen Anzahl von Staaten sein. „Eine Welt mit großer Mobilität. Eine Welt, die viel freier ist als heute und viel bunter, mit viel mehr Möglichkeiten.“ Es werde keine bipolare Welt geben. Er nennt sie „vielfarbig und multidimensional“.

Karaganow beneide die Menschen, die gerade geboren werden. „Sie werden in einer sehr interessanten Welt leben.“ Diese Welt werde gerechter: kulturell, wirtschaftlich und politisch. Gerechtigkeit bedeute auch eine viel gleichmäßigere Verteilung des Reichtums der Welt.

Es gebe aber viele Gefahren, warnt er. Eine davon sei der Verlust menschlicher Werte, „den wir jetzt massenhaft im Westen erleben“. „Die Hauptsache ist,“ betont er, „dass wir Menschen bleiben“ und nicht zu Unmenschen werden.

Chancen auf Sieg

Russland habe gute Chancen auf einen Sieg im Krieg in und um die Ukraine, so der Politologe. Vor allem aber hat diese Militäroperation seiner Meinung nach das innere Potenzial der russischen Gesellschaft stark vorangetrieben: „Wir werden immer unabhängiger, entschlossener und souveräner.“ Es ist fraglich, ob die Menschen in Russland diese Chance nutzten werden, aber sie sei da. „Das Wichtigste ich jedoch“, wiederholt er, „dass wir den Willen des Westens zur Konfrontation brechen“.

Dabei sei Russland keineswegs alleine, so Karaganow. Auch wenn es nicht von den Staaten der Uno unterstützt werde, jedoch von der Mehrheit der Menschheit. Doch Russland werde niemals ein Satellit eines anderen Landes werden, betont er, auch nicht Chinas. Das sei im Prinzip unmöglich.

Aber da Russland auch Verluste erlitten habe und sein außenpolitischer Spielraum sich stark eingeengt habe, sehe China zurzeit viel stärker als Russland aus. Die Chinesen wüssten aber, dass die russische Gesellschaft bereit sei, für die eigene Souveränität zu kämpfen. Die Beziehung zwischen den beiden Ländern sieht er pragmatisch: „Die Frage, wer wen wie benutzt, ist eine Frage der praktischen Politik und Diplomatie.“

Aufbruch gen Osten

In Zukunft sieht er Russland viel stärker und gerechter, viel selbstbewusster und respektierter in der Welt. Ein Land, das viel mehr Verantwortung für seinen eigenen Wohlstand übernimmt, mit einer erneuerten Elite, mit erneuerter Technologie, ein Land, dessen wirtschaftliches, politisches und intellektuelles Zentrum in den Ural und nach Sibirien verlagern wird.

„Wir müssen uns in den Osten verlagern. Geistig, wirtschaftlich, politisch, denn im Westen stecken wir fest, was eine unserer grundlegenden Schwächen und einer der Gründe für unsere Schwierigkeiten in den letzten vierzig bis fünfzig Jahren ist.“

Er ist sich sicher, dass in zehn Jahren auch Teile eines zerfallenden Europas nach Osten gehen werden. In Ungarn sowie in vielen politischen und wirtschaftlichen Strömungen in Europa sei das bereits zu beobachten. Dies sei nur der Anfang.


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Éva Péli ist promovierte Sprachwissenschaftlerin mit langjähriger Studien- und Arbeitserfahrung in Russland, Spanien, Großbritannien und Deutschland. Die gebürtige Ungarin lebt seit 2010 in Berlin. Von September 2020 bis zum Verbot der Verbreitung der russischen Medien in der EU arbeitete sie als Korrektorin, Lektorin und Autorin für das Nachrichtenportal Sputnik News Agency (SNA).

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