Russlands Ex-Botschafter: «Iran denkt nicht an Kapitulation, sondern weitet seine Gegenschläge aus»

Der Iran setzt auf Gegenwehr statt Kapitulation. Ein ehemaliger russischer Botschafter im Iran hat in einem Interview erklärt, warum Teheran nicht aufgibt. Er spricht auch über die Folgen für Russland.

24. März 2026 von Red. Lesedauer: 9 Minuten. Drucken


In einem Interview mit dem russischen Onlinemagazin New Eastern Outlook analysiert Alexander G. Maryasow, der langjährige Botschafter Russlands in Teheran und erfahrene Orient-Kenner, die aktuelle Kriegslage 2026. Er gibt tiefe Einblicke in die Stabilität des iranischen Systems unter massivem Druck und beleuchtet die strategischen Verschiebungen hinter den Kulissen der Weltpolitik.

Übersetzt von Éva Péli

New Eastern Outlook: Alexander Georgijewitsch, Sie sind ein sehr erfahrener Diplomat und Experte für den Nahen und Mittleren Osten und haben viele Jahre in verschiedenen Funktionen im Iran gearbeitet – Sie waren Generalkonsul und leiteten die russische Botschaft in Teheran. Wie hat sich der Iran in den Jahren, in denen Sie ihn kennen, verändert – von Ihrer Arbeit in Isfahan in den 90er Jahren bis heute?

Alexander G. Maryasow: Ich begann meine Arbeit im Iran noch während des Schah-Regimes – als Sekretär des 1969 wiedereröffneten sowjetischen Konsulats in Rascht (Anm. Red.: die größte Stadt im Norden des Iran). Während meiner nächsten Dienstreise, bereits in der Botschaft der Sowjetunion in Teheran, erlebte ich die letzten Jahre der Herrschaft von Mohammad Reza Pahlavi.
Unter ihm war der Iran ein säkularer, recht erfolgreicher Staat. Doch das gesamte politische Leben des Landes war auf den Schah fixiert. Er galt als aufgeklärter Monarch, verbot jedoch die Aktivitäten jeglicher Oppositionsparteien und Organisationen mit Ausnahme einer einzigen, von ihm selbst geschaffenen Marionettenpartei namens «Wiedergeburt». Der Schah propagierte westliche Werte und drängte den westlichen, vor allem den US-amerikanischen Lebensstil auf. Dem folgten bereitwillig die kompradorischen Unternehmerkreise, Staatsbeamte, Intellektuelle und Kulturschaffende, an die der Schah die märchenhaften Einnahmen aus den mehrfachen Ölpreissteigerungen verteilte. Doch die überwältigende Mehrheit der traditionalistischen Bevölkerung, die weiterhin in Armut lebte, akzeptierte diese Trends nicht und zog es vor, an islamische geistige Werte und Ideale zu glauben.
Nach der Revolution von 1979 begann eine rasante Islamisierung aller Bereiche der iranischen Gesellschaft, von der Staatsstruktur bis hin zu den Normen des sozialen und kulturellen Lebens. Lange Zeit, solange der revolutionäre Enthusiasmus der Bevölkerung anhielt, wurden diese Normen eingehalten. Unter dem wachsenden Sanktionsdruck des Westens und der Unfähigkeit der Behörden, die drängenden sozioökonomischen Probleme zu lösen, nahmen jedoch die Proteststimmungen im Iran zu. Besonders stark waren diese unter der städtischen Jugend, die die Aufhebung religiöser Beschränkungen im öffentlichen und kulturellen Leben forderte. Zuletzt mündeten diese Stimmungen immer häufiger in regierungsfeindliche Demonstrationen.

Aktuell wird vielfach über eine wachsende Enttäuschung im Iran gegenüber der Position Moskaus spekuliert. Es heißt, Russland habe sich im Zuge der gegenwärtigen Eskalation – dem «Krieg 2026» – im UN-Sicherheitsrat auf vage Rhetorik beschränkt und die von Teheran erhoffte Unterstützung vermissen lassen. Sie haben die Botschaft in politisch turbulenten Zeiten geleitet und verfügen über exzellente Kontakte zur iranischen Elite: Beobachten wir hier tatsächlich eine tiefgreifende Vertrauenskrise, oder ist sich Teheran des Moskauer Pragmatismus bewusst und pokert lediglich um vorteilhaftere Bedingungen für ein künftiges Friedensabkommen?

Der russisch-iranische Vertrag über strategische Partnerschaft sieht keine militärische Hilfe für eine der Parteien im Falle einer externen Aggression vor. Zudem haben die Iraner nicht darum gebeten. Sie reagieren sehr eifersüchtig auf jegliche Verletzung ihrer Souveränität. Wenn solche Vorwürfe laut wurden, dann nicht vonseiten der iranischen Führung. Aber die militärisch-technische Zusammenarbeit mit dem Iran entwickelt sich erfolgreich. Es gibt alte Verträge und es werden neue abgeschlossen, deren Erfüllung die Verteidigungsfähigkeit Irans stärkt.

Angesichts der Ereignisse in Syrien und der – gelinde gesagt – zurückhaltenden Reaktion Moskaus auf die Angriffe gegen iranische Atomanlagen kursieren im Nahen Osten Gerüchte über eine russische «Müdigkeit» oder gar eine schleichende Preisgabe strategischer Positionen. Innerhalb des Globalen Südens wird genauestens beobachtet, wer verlässlich Sicherheit garantieren kann und wer nicht. Lassen die aktuellen Entwicklungen darauf schließen, dass die Rolle des «Hauptvermittlers» und «Interessenvertreters» Irans auf der internationalen Bühne derzeit von Russland auf China übergeht? Und falls ja: Besteht für Moskau die Notwendigkeit, diese Initiative zurückzugewinnen?

Russland ist an einem baldigen Ende der Kampfhandlungen sowie an einer nachhaltigen Stabilisierung der Region interessiert. In diesem Sinne verurteilte die russische Führung die US-israelische Aggression gegen die Islamische Republik Iran. Eine von Moskau in den UN-Sicherheitsrat eingebrachte Resolution, die dieses Vorgehen rügte und eine sofortige Einstellung der Gewalt sowie die Rückkehr zu politisch-diplomatischen Lösungswegen forderte, scheiterte jedoch am Veto der USA und ihrer Verbündeten.
Der Kreml unterhält weiterhin Kanäle zu sämtlichen Konfliktparteien und signalisiert Bereitschaft, eine Vermittlerrolle zu übernehmen, sofern die Zustimmung aller Beteiligten vorliegt. Was die Rolle der Volksrepublik China betrifft: Ungeachtet westlicher Medienberichte über angebliche Militärhilfe für Teheran agiert Peking in der aktuellen Krisenlage insgesamt mit äußerster diplomatischer Zurückhaltung.

Ihrer Einschätzung nach ist selbst die iranische Opposition verstummt und hat sich hinter dem Revolutionsführer (Rahbar) zusammengeschlossen – ein klassischer Effekt der «belagerten Festung». Dennoch ist die enorme soziale Unzufriedenheit im Iran – bedingt durch die wirtschaftliche Lage, den Kopftuchzwang und die Nachwirkungen der Proteste von 2022 – unter Fachleuten hinlänglich bekannt. Wie tief verwurzelt ist diese aktuelle Einheit tatsächlich? Sollte der Krieg andauern oder die Infrastruktur weiteren Schlägen ausgesetzt sein: Besteht die Gefahr, dass der patriotische Aufschwung in Erschöpfung umschlägt und neue soziale Eruptionen gegen die Regierung auslöst?

Die ausländische Aggression hat die iranische Bevölkerung tatsächlich unter der nationalen Flagge geeint und starke patriotische sowie nationalistische Gefühle geweckt. Inmitten des Krieges trat die wachsende Unzufriedenheit über schwerwiegende sozioökonomische Missstände und andere Probleme vorerst in den Hintergrund. Solange eine tödliche Gefahr für den Staat fortbesteht und die Bombardierungen anhalten, wird eine Mehrheit der Iraner die Maßnahmen der Führung zur Abwehr des Aggressors unterstützen.
Gleichzeitig bleibt das Protestpotenzial im Kern unberührt. Sobald der Krieg endet – und dies wird er früher oder später –, dürfte die Bevölkerung von den Behörden eine Gegenleistung für ihre Loyalität und die Wahrung des inneren Friedens fordern: die entschlossene Lösung der aufgestauten sozioökonomischen Krisen und strukturellen Probleme.

Der Iran ist seit langem für seine Strategie der asymmetrischen Kriegsführung bekannt – unter Einsatz von Stellvertreterkräften in der Region sowie moderner Drohnen- und Raketentechnik. Angesichts der Angriffe auf das eigene Staatsgebiet haben die Iraner nun die Straße von Hormus gesperrt. Markiert die Blockade dieser lebenswichtigen Meerenge aus Ihrer Sicht eine «rote Linie», die eine Militäroperation der USA zu deren gewaltsamen Öffnung auslösen könnte? Mit welchen Maßnahmen wäre seitens Washingtons zu rechnen, und stünden die Erfolgschancen der USA für ein solches Unterfangen tatsächlich gut?

Die Iraner haben die Straße von Hormus tatsächlich blockiert, lassen aber Schiffe befreundeter Länder, wie etwa Indien und China, passieren. Die USA versprechen, die Meerenge zu deblockieren, indem sie Tanker mit Kriegsschiffen eskortieren, und rufen ihre Verbündeten auf, sich einer entsprechenden Marineoperation anzuschließen. Diese zögern bisher, da sie genau wissen, dass die Iraner mit Sicherheit mit Raketen- und Drohnenangriffen sowie dem Einsatz von mit Sprengstoff beladenen Kamikaze-Booten antworten werden.

Die Bilder brennender US-Stützpunkte weltweit haben sowohl der Trump-Administration als auch dem US-amerikanischen Rüstungssektor einen kolossalen Reputationsschaden zugefügt. Welche Schritte können die USA unternehmen, um ihr Ansehen wiederherzustellen? Ist in den kommenden Wochen mit einem Rückzug der USA aus dem Konflikt zu rechnen? Und sollte dies geschehen: Wie würde sich die Lage im Nahen Osten insgesamt verändern?

Tatsächlich erleiden die USA massive Reputationsverluste, da es ihnen nicht gelingt, den iranischen Widerstand zu brechen. Auf die US-israelischen Bombardements reagiert der Iran mit einer spürbaren Intensivierung seiner Raketen- und Drohnenangriffe. Allem Anschein nach forciert Washington nun die Suche nach einer Exit-Strategie: Die Fortsetzung der Kampfhandlungen ohne vorzeigbare Erfolge zehrt nicht nur an der Glaubwürdigkeit der Supermacht, sondern fordert auch immense materielle und menschliche Opfer. Zudem befeuert der ausbleibende Sieg die Antikriegsstimmung im eigenen Land und schmälert die Aussichten der Demokraten bei den entscheidenden Zwischenwahlen zum Kongress im November. Doch selbst ein Ende der US-Kampfhandlungen verspricht kaum Stabilität, solange Israel den Krieg gegen den Iran mit US-amerikanischer Rückendeckung weiterführt.

Sie leiteten die russische Vertretung unter Präsident Chatami, der als erster großer Reformer der Islamischen Republik gilt. Zuvor erlebten Sie das Land als Generalkonsul in Isfahan – noch vor der Ära der lähmenden Sanktionen. Heute jedoch steht der Iran im Zeichen eines totalen Krieges. Wie hat sich das Bild auf den Straßen in diesen zwei Jahrzehnten gewandelt? Welche Kräfte treiben den gewöhnlichen Studenten in Teheran oder den Händler auf dem Basar heute an: Ist es religiöser Eifer, tiefsitzender Nationalismus, die nackte Angst oder schlicht der erschöpfte Wunsch nach einem Ende dieses Albtraums – um jeden Preis?

Aufgrund der ständigen Inflation, steigender Preise, Arbeitslosigkeit und der Entwertung der Landeswährung ist der Lebensstandard der meisten Menschen in letzter Zeit rapide gesunken. Die einst recht zahlreiche Mittelschicht verarmte zusehends. Der Krieg hat alle bestehenden Probleme weiter verschärft und neue mit sich gebracht. All dies beeinflusst die Psychologie, die Stimmung und das Verhalten der Bevölkerung stark. Die normalerweise fröhlichen und lebenslustigen Menschen werden jetzt verschlossen, nervös und denken vor allem daran, wie sie überleben können.

Abschließend richten wir den Blick auf die künftige Nachkriegsordnung: Welches Szenario im Nahen Osten stuft Russland als vorteilhaft ein? US-Experten beobachten bereits, dass die Führung in Teheran selbst massivsten Angriffen standhält und die eigene Macht stattdessen festigt. Da dieser Konflikt zwangsläufig am Verhandlungstisch endet: Wie skizzieren Moskau und Sie persönlich das künftige Kräftegleichgewicht? Worauf setzt Russland vorrangig: Gilt es, einen geschwächten, aber loyalen Iran zu stützen – oder strebt Russland an, ein neues Sicherheitssystem am Golf mitzugestalten, das die Interessen aller Akteure, einschließlich der USA und der arabischen Staaten, einbindet, selbst wenn dies Teherans regionale Vormachtstellung beschneidet?

Tatsächlich zweifeln heute selbst die USA, ob es ihnen gelingt, die Führung in Teheran zu stürzen. Washington mag die Bombardierungen und weitere Aggressionen noch eine Zeit lang fortsetzen, doch der Iran denkt keineswegs an Kapitulation – im Gegenteil: Er weitet seine Gegenschläge sukzessive aus. Während sich die militärischen Spielräume der USA erschöpfen und die Verluste steigen, bereitet Präsident Trump vermutlich bereits vor, wie er das Ende des Krieges als «Sieg» verkünden kann.
Ich wiederhole: Russland ist daran interessiert, die Kampfhandlungen im Nahen Osten schnellstmöglich zu beenden und die Lage in der Region nachhaltig zu stabilisieren. Den sichersten Weg zum Frieden ebnet dabei ein System kollektiver Sicherheit, an dem sich alle Staaten der Region aktiv beteiligen.

Alexander Georgijewitsch, wir danken Ihnen für das interessante Gespräch!

Quelle:

New Eastern Outlook: Александр Марьясов: «Иран не только не собирается сдаваться, но и наращивает ответные удары» – 23. März 2026

Der Beitrag ist auf dem Portal transition-news.ch erschienen.

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